Symphonisches Denken und tänzerische Erzählung
Bei der Komposition der Suite mussten mehrere Anforderungen zusammenfinden: Die Musik sollte Tanz ermöglichen, auch Kinder ansprechen und die philosophische sowie psychologische Tiefe der literarischen Vorlage bewahren. Die Komponistin verbindet daher Erzählung mit symphonischer Verarbeitung und symbolischen Schichten, die über das unmittelbare Bühnengeschehen hinauswirken.
Die unterschiedlichen Stile sind mehr als bloße Klangfarben. Das Ritornell des Rosengartens betont die Wiederkehr des Gleichen, der Walzer weckt die nostalgische Erinnerung an unschuldige Verliebtheit, und der Tango verbindet das Zähmen mit dem Bändigen der Leidenschaft. Die filmisch gefärbte Nostalgie des Traumwalzers zerfällt allmählich. Das scharf rhythmisierte Gefüge der Erde mit Schlagzeug und aufdringlichen Blechbläsern vermittelt die Enge einer vom Geschäft besessenen Welt. In der Musik des Asteroiden B612 erscheint zudem ein wiedererkennbares kindliches Spottmotiv.
Das Theater der Erwachsenenwelt
Die Vielfalt der Genres und Stile im „Theater der Erwachsenenwelt“ erkundet das menschliche Dasein in all seiner Widersprüchlichkeit: vom Wunsch nach Nähe bis zum Machthunger, von der Eitelkeit bis zum gefühllosen Kalkül. Jede Figur spricht ihre eigene musikalische Sprache; gemeinsam zeichnen sie eine Welt, die sich dem kindlichen Verständnis entzieht und oft unheimlich groteske Züge offenbart. Die stilistische Vielfalt wird so zu einer Erkundung des Menschen und seiner Masken.
Die WüsteSchönheit und Bedrohung im selben Raum
Eine verschleierte Linie der gedämpften Trompete in halben Noten verbindet die harmonischen Blöcke im vierten Modus Messiaens. Sie erinnert an Dünenkämme. Die Wüste ist ein Ort der Sterne, des verborgenen Brunnens und der Erkenntnis, zugleich aber ein Raum tödlicher Gefahr und die Heimat der Schlange.
Asteroid B612Die überschaubare Welt der Kindheit
Heiteres, unbeschwertes Material beschreibt einen Mikrokosmos, in dem alles seinen Platz hat. Es erscheint dreimal: in der Ouvertüre, in der Planetenszene und unmittelbar nach dem tragischen Abschied, wenn der kleine Prinz in seine abwesende, aber sichere Heimatwelt zurückkehrt.
Übergang – Die Reise des kleinen PrinzenDer Klang der Unendlichkeit
Harfe, Celesta und Flexaton gestalten den Klang der Reise. Ihre schimmernden, glockenartigen Farben vermitteln verstreute Sterne und grenzenlosen Raum.
Der KönigTraurig-komische Größe
Ein modaler Blechbläserchoral verbindet Herrschaftsanspruch mit Einsamkeit. Ein Zwischenspiel in Form einer Gagliarde begleitet das humorvolle Verrücken des Throns für den nächsten Befehl an die Sonne.
Der LaternenanzünderUnaufhörliche Beschleunigung
Das bewegliche, fließende Geschehen wird beim Anzünden der Lichter durch Glocken markiert. Das Tempo beschleunigt sich, bis die Tätigkeit zum unaufhaltsamen Kreislauf wird.
Der EitleSelbstdarstellung im Glanz der Trompete
Ein Trompetensolo kokettiert mit dem Jazz. Die exponierte Solostimme wird zur musikalischen Geste einer Figur, die Bewunderung braucht.
Der GeschäftsmannDas Orchester als Inventur
Templeblocks übernehmen das Zählen der Sterne. Das Orchester mit seiner trockenen, abgesetzten Rhythmik verzeichnet beharrlich den Reichtum und schafft einen gefühllosen Mechanismus der Aneignung.
Der TrinkerDas Taumeln
Die Figur ist der Posaune anvertraut. Ihre musikalische Geste veranschaulicht körperlich das Schwanken und die Gefangenschaft in der Wiederholung.
Der GeografRationale Ordnung
Das Fagott stellt eine vollständige Tonreihe vor und zeichnet wissenschaftliche, rationale Ordnung. Emotionale Wärme öffnet sich nur kurz, als der Geograf dem kleinen Prinzen den Weg zur Erde zeigt.
Die ErdeÜberfülle statt Ausblick
Sanfte, absteigende Streichersequenzen treffen auf hupende Blechbläser. Die Szene betont die Beklemmung angesichts der Überfülle der Welt, nicht ihre Naturschönheit.
Der Rosengarten – RitornellVielfalt ohne Einzigartigkeit
Das Symphonieorchester imitiert eine Blaskapelle in Ritornell und Cancan. Der glänzende Schein begleitet eine Menge von Rosen, in der das Gefühl für persönlichen, unverwechselbaren Gehalt verloren geht.
Der Pilot und die Rose – TraumwalzerEin Denkmal der jungen Liebe
Die klassische Tanzform ruft die Unmittelbarkeit des Verliebtseins hervor. Das Dur-Thema der Rose löst sich durch die Nostalgie allmählich auf; der Schluss bietet keine vollständige formale Abrundung.
Der Fuchs – TangoVom Zähmen zur Vertrautheit
Der Tango verbindet das Zähmen mit dem Bändigen der Leidenschaft. Die Einleitung zeichnet die Scheu der ersten Annäherung; der Schluss vermittelt Freundschaft und Vertrautheit und kündigt bereits den Übergang zum Ende an.
AbschiedBrunnen, Verlust und Rückkehr
Die Erzählung kehrt in die Wüste, zum Sonnenaufgang und zum Brunnen zurück. Transparente polyrhythmische, atonale Kontrapunkte der Holzbläser kennzeichnen das Wasser; ein Streicher-Larghetto mit Harfe im Unisono den Tod des kleinen Prinzen.